Samstag, 11. Juli 2015

Kulturvernichtungsfunktionäre!


Kunst am Bau Wettbewerb
Leider konnte für keinen der Entwürfe eine Stimmenmehrheit hergestellt werden. Die Kunstkommission hat damit einstimmig entschieden, das Wettberwerbsverfahren für das Haus des Landtags und das Bürger–und Mediumzentrum aufzuheben.



Donnerstag, 19. März 2015

Samstag, 14. Juni 2014

Zeichnung - Eröffnungsrede der Ausstellung „Members Only“ in der Galerie der Alten Feuerwache Mannheim am 13. Juni 2014



Nachdem der BBK letztes Jahr eine Mitgliedsausstellung mit dem Focus auf Malerei und Bildhauerei organisiert hatte, zeigen wir heute eine Ausstellung, die ausschließlich dem Medium Zeichnen gewidmet ist. Dieses Medium ist so alt, wie die Menschheit. Der unmittelbare Gestus, der Gedanken in wenigen Strichen zu fixieren versteht, visuelle Reize konkret umsetzt und nachvollziehbar dokumentiert, ist Teil unserer Existenz. Bevor ein Kind konkrete Gedanken formuliert, kritzelt es schon mit einer zeichnerischen Unbefangenheit, um die wir Erwachsenen die Kinder so beneiden. Das Bedürfnis des Menschen, Gesehenes zu veranschaulichen, brachte mit der Zeit eine immer bessere Technik des Zeichnens hervor.
Fangen wir, wie immer, mit den Alten Griechen an, die damals schon außergewöhnliche Fähigkeiten entwickelt hatten. Wer jemals versucht hat, die auf Vasen abgebildeten Szenen nachzuzeichnen, wird sofort merken, dass die wenigen Striche mit einer Exaktheit und stilistischen Sicherheit ausgeführt wurden, denen nichts mehr hinzuzufügen ist. Mit einem Hauch von Nichts entstehen exakte Proportionen, eine Linie betont Bewegung und Muskelaufbau, alles ist angedeutet, illustriert, schon lange bevor es Comics- Zeichnungen gab. In der Renaissance entwickelte sich die Zeichnung mit Künstlern wie Michelangelo, da Vinci oder Rafael, und natürlich Dürer zur Hochkultur, mit schwindelerregender Virtuosität zur Perfektion. Ob eine Kontur, ein schraffiertes Volumen, mit Lavis herausgearbeitetes Licht, Zeichnungen der alten Meister rühren uns zutiefst und verlangen Demut vor soviel Können.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde diese Kunst abermals in einem Maße gesteigert, die einen erblassen lässt, mir jedoch manchmal die Anmut der früheren Renaissancezeichnungen fehlt. Ingres, Menzel, Delacroix und wie sie alle heißen, führen uns vor Augen was an technischer Präzision möglich ist, bis hin zu Äußerungen der Art: wenn du nicht in der Lage bist einen Mann zu Zeichnen der aus dem dritten Stock fällt, brauchst du gar nicht erst anzufangen. Wahrscheinlich haben dann Künstler wie Picasso Anfang des 20.Jh. dieses Bonmot beherzigt, der bereits mit neun Jahren Zeichnungen mit einer Leichtigkeit und Meisterschaft anfertigte, wie kaum ein anderer. Wenn wir uns seine Serie der Stierzeichnungen vergegenwärtigen, erkennen wir, dass Picasso wie kaum ein anderer die Kunst des Sublimierens beherrschte, indem er von der komplexesten Zeichnung  ausgehend alles auf einen einzigen Strich reduziert, der alles Vorherige  in sich vereint. Viele großartige Namen könnte ich auflisten, Klimt und Schiele, Toulouse-Lautrec usw. Einen Namen möchte ich noch nennen, der auch ein bisschen die Widersprüchlichkeit der Entwicklungen in der Kunstgeschichte verdeutlicht, den von Horst Jansen. Spannend unser Verhältnis zu ihm, ein außergewöhnlicher Meister des Fachs, der wieder an die Zeichnung früherer Zeiten anknüpfend eine Sonderstellung einnimmt. Mit seinem außerordentlichen Können wirkt sein Schaffen, als wollte er die klassische Zeichenkunst der Vergangenheit in unsere Tage hinüber retten.
Und die Avantgarde, zeichnet sie noch und wenn ja, wie setzt sie neue oder andere Maßstäbe? Die Zeichnungen eines Joseph Beuys zum Beispiel bleiben weit hinter seinen radikalen Ansprüchen, die er in Diskursen geäußert hatte, zurück. Da waren die Futuristen, Suprematisten und auch Vertreter konkreter Kunst schon viel weiter. Erst, als die neuen Techniken der Digitalisierung hier und da Einzug hielten, wurde es wieder spannend. Unsere Wahrnehmungen sind durch die digitale Bildbearbeitung beeinträchtigt, die neuen Medien bereichern die aktuelle Bilderwelt mit einer Flut von neuen Eindrücken. Und dennoch stellen wir fest, sei es aus Trotz oder Beharrlichkeit: die Expressivität und Intensität des Gestus scheint zeitlos. So mag es nicht verwundern, dass wir uns gefühlt im Kreis drehen und Dinge sich wiederholen. Dennoch geschieht das immer unter anderen Vorzeichen, mit kleinen, aber nicht unwesentlichen Veränderungen. Denn nicht die Hand zeichnet, sondern das Auge.
Und trotzdem: wir alle, die wir hier vertreten sind, zeichnen auch, in Demut und Ehrfurcht. Wie in den anderen künstlerischen Disziplinen auch, versuchen wir uns von Altlasten zu befreien und/oder aus dem Steinbruch der Kunstgeschichte das Wesentliche herauszuarbeiten. Blicke verschieben sich, andere Prioritäten, als die exakte akademische Ausdrucksweise rücken in den Vordergrund.
Was sind nun aber die Beweggründe des Zeichnenden. Zum einen brauchen viele Künstler das Zeichnen, um selber die Dinge zu verstehen. Durch das Rekonstruieren werden Formen nachvollziehbar, Proportionen verdeutlicht, Zusammenhänge bewusst und Vieles, was scheinbar im verborgenem liegt, erarbeitet sich der Zeichnende und fördert es zu Tage. Erst durch das bewusste Abbilden eines reellen oder imaginären Objektes werden Gedanken konkret. Räumliches Vorstellungsvermögen artikuliert sich nicht im Verborgenen, sondern wird auch für alle Außenstehende nachvollziehbar und verständlich. Mit wenigen Strichen wird eine Situation erfasst, einen Idee veranschaulicht usw. Oft hilft auch der Zufall, wenn dem Zeichenwerkzeug freier Lauf gelassen wird und das Auge in einem durcheinander von Strichen plötzlich Halt findet und aus dem Wirrwarr konkretere Formen zu Tage treten. Viele Skizzen legen ein recht intimes Zeugnis eines Schaffensprozesses ab und erlauben dem Außenstehenden, Ansatz zu verstehen und Gedanken nachzuempfinden, die Ursprung eines entstehenden Werkes sind.
Noch intensiver wird dieses Nachempfinden, wenn wir bereits existierende Werke für Studienzwecke kopieren. Denn wir werden durch das Nachzeichen gezwungen, noch genauer hinzusehen, zu rekonstruieren und können so in die Welten anderer Künstler eintauchen. Einblicke in Kompositionen erschließen sich besser, wenn wir erneut erarbeiten, was andere Künstler antrieb, bewegte und was für Ansatzpunkte er/sie genau verfolgte. Und wie sehr das Zeichnen das Auge schult, den Blick schärft und ein anderes Sehen erfordert, können wir an den Zeichnungen des Fotografen Brassai feststellen, der ein ganz großartiger Zeichner war und dessen Blick ihn zu einen besten Fotografen seiner Zeit gemacht hat.
Eine andere Form der Zeichnung ist die in sich vollendete Form, die Zeichnung als Endprodukt. Da gibt es manch Besessene, die füllen das Blatt aus, von einer Ecke bis zur anderen. Sicherlich kennen Sie die Zeichnungen eines Piranese mit seinen fantastischen architektonischen Kompositionen. Wobei das Wort Endprodukt nicht ganz zutrifft, da Piranese dann noch Drucke erzeugte, die aber im Strich nicht dieselbe Lockerheit haben. Also die Zeichnung als Endprodukt, als in sich geschlossenes Universum. Da ist dann der Aufbau ein anderer. Selten ist diese Form der Zeichnung Ausdruck reiner Spontanität, sondern ist Kalkül, minutiös geplant und ausgeführt. Manche Details sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen, mitunter verbergen sich verschlüsselte Botschaften, ein Augenzwinkern des Zeichners ist erst nach langem Suchen zu entdecken. Das Gefüllte Bild zwingt den Besucher einzutauchen in seine Welt, verlangt nach Zeit und Hingabe. Das sind dann die Märchenerzähler, die Illusionisten, die uns das ganz große Kino vor Augen führen.
Die dritte Komponente, die auch in dieser Ausstellung gut repräsentiert ist,  hat als Hauptaugenmerkt die Materialität und die Abstraktion. Hier geht es in erster Linie um das Erkunden von  Strukturen, von Licht und um die individuellen Charakter des Zeichenmediums selbst. Das schimmernde Schwarz einer Graphitmiene hat nichts mit dem Absorbieren des Lichts einer mit Kohle gezeichneten Fläche zu tun. Spiel mit Pastellfarben faszinieren durch die Tiefe, in die der Betrachter förmlich versinken kann. Die Poesie des Informellen erhebt sich aus dem Meer von Strichen, Flächen und Ebenen. Selbstverständlich sind die Grenzen fließend, die drei genannten Tendenzen können verschieden intensiv miteinander verschmelzen.
Ein wesentlicher Aspekt ist natürlich die Auswahl des Zeichenutensils. Jeder sucht sich sein im am meisten gelegenes Werkzeug ob Bleistift, Pastell, Tusche, Kohle oder auch feste Materialien, die erst durch das Auftreffen des Lichts als Schattenwurf die Zeichnung offenbart. Licht und Farbigkeit sind immer integrativer Bestandteil der Zeichnung. Genauso wichtig ist die Wahl des Zeichenuntergrundes, sei es Papier, Holz, Leinwand, Folie oder direkt die Wand. Es schimmert, schwirrt, leuchtet, Schichten von Farbe und Material tragen dazu bei, dass ein Werk Substanz und Materialhaftihkeit erhält, und dies nicht nur bei der klassischen Schwarzweißzeichnung. Giacometti hat es immer wiederholt, alles ist Zeichnung, auch die Malerei die ohne Komposition kaum auskäme und die Bildhauerei, die durch das Nachzeichnen der sich ständigen drehenden Konturen uns das Volumen erst begreiflich macht. Sei es nun die Skizze, eine vollendete Komposition oder reines Improvisieren, die grundlegende Eigenschaft einer Zeichnung ist der wiedererkennbare Strich gleich einer Signatur, die wie eine DNA bis ins kleinste Fragment den Stil eines jeden Künstlers durchschimmern lässt.
Diese DNA ist in erster Linie die Persönlichkeit des Künstlers geprägt. Viele Künstler erzählen uns Geschichten, entführen uns in ihre Traum- und Gegenwelten. Ein Einfall jagt den anderen, Illusionen werden wahr, Phantasien rücken in greifbare Nähe, surreale Gedanken verzaubern uns. Blicke vertiefen sich in Details, die das zeichnende Auge gesehen und für uns künstlerisch dokumentiert hat. Deshalb sind die gezeigten Exponate zugleich immer ein Spiegel der Künstlerpersönlichkeiten. Es wäre ein amüsantes Spiel, wenn Sie als Betrachter die einzelnen Exponate den Künstlern zuordnen müssten. Wahrscheinlich gäbe es eine sehr große Trefferquote. Vielschichtig sind die Beweggründe: Ironie, Poesie, Fragilität, Witz, Faszination der Natur, die Bilderwelt des Künstlers, die er sich aufbaut ist Teil seiner selbst und Ausdrucksform tiefster Empfindung. Denn ein jeder von uns produziert Abbilder dessen, was sich im Inneren abspielt. Ob es nun Erlebtes dokumentiert, kommentiert oder verfremdet, es kommen neue Dimensionen zu Tage, die nicht nur den Künstler antreiben, sondern auch seine individuelle Art des Zeichnens weiter entwickelt und immer persönlicher werden lässt.
Des Künstlers Anliegen ist es wohl kaum, die Zeichnung neu zu erfinden. Nicht das Medium des Zeichnens verändert sich, sondern die Art, wie ein jeder die Welt sieht und wie er sie in seiner Art zu zeichnen reflektiert. Durch die unzähligen Eindrücke, die auf jeden von uns einströmen, finden wir Inspirationen,  filtern, was des Zeichnens wert ist. Bei einigen ist es der analytische Blick, der bis ins Mikroskopische abbildet. Andere fügen Ungewohntes zusammen oder erzählen Geschichten, die den Einblick in die Unendlichkeit der Psyche freigeben. Wieder andere lassen sich nur von der Poesie und der Schönheit des Lebens treiben, die sich dem Betrachter offenbart. Jede Zeichnung ist ein kostbares Dokument, das Zeugnis der künstlerischen Umtriebigkeit ablegt. Diese Ausstellung dokumentiert dies auf, wie mir scheint, bemerkenswerter Weise.
Vieles ließe sich noch erörtern: Warum zeichnen Bildhauer anders als Maler oder Grafiker? Da die meisten Künstler anwesend sind, lade ich Sie ein mit Ihnen zu reden. Selbstverständlich dürfen Sie die Bilder hier auch kaufen. Den Künstler freut es. Ich danke Ihnen.